Wer Segelbekleidung kaufen will, begibt sich sozusagen freiwillig in den Dschungel der vielen Modelle, die die Hersteller anbieten. Dabei sind natürlich ganz unterschiedliche Prioritäten zu setzen: Wer in die Karibik fliegt braucht anderes Equipment als derjenige, der den Norwegischen Fjorden im Frühjahr einen Besuch abstatten will. Jollensegler wiederum sind anders ausgerüstet als solche, die die passende Bekleidung für Hafentage in St. Tropez suchen.

Trotzdem lohnt es sich, beim Kauf von Segelbekleidung auf ein paar Dinge zu achten. Hier also meine Tips:

Schnuppern

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Zunächst eignen sich für erste Ausflüge in diesen Sport wetterfeste Bekleidung, wie sie aus dem Skisport oder als Motorradbekleidung vielleicht vorhanden ist. Beim Segeln braucht man einerseits Schönwetterklamotten, die insbesondere gegen die starke Sonnenreflektion (aus der Atmosphäre und von der Wasseroberfläche gespiegelt) schützen (leichte Baumwollhemden mit Kragen, Mütze, einfache Canvass-Segeltuchschuhe mit heller rutschfester Gummisohle, Sonnenbrille mit Sicherungsband vom Optiker) als auch Jacke, Hose, Gummistiefel und Mütze gegen Sauwetter, dazu dicke Pullover, lange Unterhosen und ggf. schön warme Einlegesohlen. Jacke und Hose müssen auch unter Belastung wasserdicht sein - nichts ist schlimmer als das Gefühl, an Inkontinenz zu leiden. Dünne sog. 'wasserabweisende' Windbreaker, wie sie etwa Fahrradfahrer lieben, sind der Belastung i.d.R. nicht gewachsen und werden schnell undicht.

Bei Ronstan Bootsstiefel Gummistiefeln eignen sich solche für Gartenarbeit nicht, da sie einerseits schwarze Streifen auf weißen Bootsrümpfen hinterlassen und andererseits wenig rutschfest sind. Segelstiefel sind sinnvoll, damit das Wasser, das gerade von der Hose abperlt, nicht munter in die Schuhe läuft; sehr unangenehm! Sie haben eine Art Fischgrätenmuster in der hellen Gummisohle, so daß auch bei taufeuchtem Deck ein guter Grip gegeben ist. Zum Beispiel von Gotop für gut angelegte 38 Euro.

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Segelhandschuhe sind unverzichtbar! Es gibt sie mit 5 abgeschnittenen Fingerkuppen (Gotop 10 Euro) oder mit drei Vollfingern, so daß 'halbnackte' Daumen und Zeigefinger Knoten öffnen und schließen können. Welche vorzuziehen sind ist Geschmacksache und unter Eingeweihten heiß umstritten. Die Segelhandschuhe sind absolut notwendig - wer einmal eine Schot durch die Handfläche hat rauschen lassen, weiß, daß Verbrennungen an dieser Stelle für den Rest des Lebens Handarbeit jeglicher Art ausschließen. Das Wichtigste ist eine hinreichend raue Fläche im Bereich des Handtellers. Einige Hersteller bieten daher Kevlarverstärkte Handschuhe an, die eine besonders raue Innenfläche haben - etwa Gill 20 Euro, lohnt sich. Handschuhe eng kaufen, da sich nasses Leder schnell dehnt.

Wer im Herbst oder Frühjahr unterwegs ist, sollte darüber herkömmliche Winter-/Ski-Handschuhe der Wärme wegen stülpen. Insbesondere Snowboardhandschuhe eignen sich, da sie kaum Feuchtigkeit speichern und sehr rau sind. Der ultimative Tip sind allerdings ganz einfache Baumwollhandschuhe aus dem Baumarkt, die mit einer Latexschicht überzogen sind. Ursprünglich für Leute gedacht, die mit Chemikalien hantieren, bieten diese Dinger für kaum 5 € den besten Grip den ich je gesehen habe, halten einigermaßen Wasser ab und halbwegs warm halten sie auch noch: Was will man mehr??

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Spaß am Segeln

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Damit können wir schonmal das erste Wochenende segeln gehen. Was aber, wenn einem der Sport wider erwarten Spaß machen sollte und man öfters dem Gefühl fröhnen will, den Wind in den Händen zu spüren?

Handschuhe und Segelstiefel verwenden wir weiter. Jetzt kaufen wir uns eine Segeljacke und eine passende Hose dazu. Gibts dabei etwas zu beachten? Aber sicher doch!

Zuerst ein schmerzlicher Grundsatz: Jeder zusätzlich investierte € lohnt sich erfahrungsgemäß. Es macht richtig Spaß, im Schietwedder mit hochgezogenem Kragen zu stehen, rundum ist die Hölle los, und man selbst ist warm und trocken eingepackt. Umgekehrt macht Segeln überhaupt ganz und gar keinen Spaß, wenn das (billigste) Material leckt und man dadurch nass, kalt und krank wird...

Zweiter Grundsatz: Man kaufe nur Bekleidung, die den Stempel atmungsaktiv trägt. Segelklamotten trägt man stundenlang und unter ständiger Bewegung, d.h. man schwitzt, und das nicht zu knapp. Diese Feuchtigkeit will irgendwo hinaus, und wenn sie das nicht kann, schlägt sie sich an der kühlsten Stelle nieder: an der Innenseite der Oberbekleidung. Mit anderen Worten: Mit der Zeit schwimmt man im eigenen Saft. Atmungsaktive Bekleidung läßt Wasserdampf hinaus ohne Feuchtigkeit hinein zu lassen. Das funktioniert ideal, wenn man das 3Layer-Prinzip beachtet (s.u.).

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Wer wie ich vorzugsweise Jollen segelt, sollte zu kurzen Jacken (Blousons) greifen, da die Bewegungsfreiheit darin höher ist. Yachtsegler schwören dagegen auf lang geschnittene Jacken. An dieser Stelle nochmal der eindringliche Hinweis: Man sollte beim Kauf etwas mehr anlegen als für die billigste Jacke nötig ist - das Material wird zunehmend stabiler und das zahlt sich bei heftigem Wetter und ekeliger Vorschiffarbeit allemal aus.

Das selbe gilt für Hosen. Overalls sind zwar todschick, aber unpraktisch, insbesondere wenn man 'mal muß'. Sie werden auch kaum noch angeboten. Hosen sollten gerade im Schritt gut abgedichtet sein, am besten dort keine Nähte haben, die ansonsten innen getaped sein sollten. Immer eine Nummer größer kaufen werden, damit auch im Sitzen nichts kneift. Tip: Anziehen und in den Schneidersitz gehen. Wenn nichts kneift: kaufen, sonst Finger weg. Schönheit ist hier ausnahmsweise einmal nicht erste Priorität, sondern Tragekomfort und Dichtigkeit!

zip oder nicht zip: das ist hier die Frage

Manche Leute kaufen teure Jacken, die innen einen Fleece zum einzippen mittels Reißverschluß haben. Ich kenne niemanden, der ständig den Fleece ein- oder auszippt. Entweder das Dings ist eingezippt, dann frieren sie im T-Shirt im Restaurant, oder nicht, dann sehen die Dinger wenig gesellschaftsfähig aus. Also kaufe ich mir lieber eine Jacke ohne Fleece und kaufe mir einen schicken dazu.

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Womit wir beim 3Layer-Prinzip sind. Wer alles richtig machen will, der trägt keine Stoffe, die Feuchtigkeit speichern, also Wolle oder gar Baumwolle - weg mit Unterhemden und TShirts, die den Schweiß aufsaugen und nicht weitergeben! Stattdessen sollte man Funktionsunterwäsche aus 100%-Kunststoffen tragen, bei denen die Körperfeuchtigkeit durch das Material diffundiert. Darüber einen warmen Fleece, der ebenfalls die Feuchtigkeit einfach durchläßt, die dann durch die atmungsaktive Oberbekleidung nach draußen dringen kann. Am billigsten gibts die im Herbst bei einschlägig bekannten Kaffeevertreibern als Skiunterwäsche, aber auch von allen Segel-, Ski- und Trekkingbekleidungsherstellern.

Und was bitte ist ein Südwester?

Das ist eine Art Hut aus Segeltuch, der zwar nicht besonders aussieht, aber sehr nützlich ist. Im Gegensatz zur Kapuze läßt er die Ohren frei, und das ist absolut notwendig wenn es um die Kommunikation zwischen den Mitseglern insbesondere im Sturm geht. Auch bei Südwestern gibt es zwei Baumodelle: Die einen sind einfach rund, die anderen länglich. Erstere halten das Wasser rundum ab, um es zielgerichtet in den Kragen laufen zu lassen, die länglicheren erstrecken sich soweit nach hinten, daß das Wasser über die Rückseite der Jacke hinab läuft. Z.B. von ProRainer für knapp 20 Euro.

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Und wo kann man am besten Segelbekleidung kaufen? Dort, wo es das größte Angebot gibt und man die Sachen größenmäßig ausprobieren kann: Auf einer der drei großen Wassersportmessen in Düsseldorf, Hamburg und Friedrichshafen. Die meisten Hersteller sind mit Mustern vertreten und viele Verkäufer haben das ganze Programm zum Anprobieren dabei. Wer sparen will, kommt am ersten Tag, weil Auslaufmodelle vom Vorjahr dann noch in fast allen Größen zu erheblich reduzierten Preisen vorhanden sind.

Einen kleinen Materialtest findet Ihr hier.

So, dann wünsche ich viel Spaß beim aussuchen und möge die nächste Segelsaison noch besser werden als die vergangene. (Preise Stand 05/10)


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